Close
Christian Ehl: Warum sollten wir Angst vor künstlicher Intelligenz haben?

Christian Ehl: Warum sollten wir Angst vor künstlicher Intelligenz haben?

Christian Ehl hat eine großartige Eigenschaft: Immer dann, wenn er sich intensiv in ein spannendes, komplexes Thema einarbeiten möchte, schreibt er ein Buch. Der Geschäftsführer der digitalen Kreativagentur Hillert und Co. und erfolgreicher Gründer sowie Unterstützer mehrerer Startups hat sich in den vergangenen 12 Monaten das Thema Künstliche Intelligenz vorgenommen und zusammen mit seinem Co-Autor Sharad Gandhi ein spannendes Buch geschrieben, das nicht nur erklärt, wie künstliche Intelligenz funktioniert, sondern auch beschreibt, wie Unternehmen davon profitieren können.

Du hast ein Buch rund um künstliche Intelligenz geschrieben. Wie kam es dazu und welchen Schwerpunkt hast Du inhaltlich gesetzt?

Ich habe mich schon länger mit dem Thema künstliche Intelligenz beschäftigt. Der Ausschlag war ein Joint Venture mit der Firma Nemetschek im Bau-Umfeld. Wir haben dort einen Cloud-Speicher für Bauprojekte entwickelt und ich habe mir Abends immer die Baumodelle angeschaut, die dort hochgeladen wurden. Bei längeren Untersuchungen konnte ich oftmals Fehler in den Bauprojekten finden. Ich habe über Algorithmen nachgedacht, die automatisch Fehler in Bauprojekten finden, aber das war zu komplex. Somit kam ich auf die künstliche Intelligenz, die mit großen Mengen an komplexen Daten umgehen kann und, wenn sie richtig trainiert ist, die richtigen Schlüsse zieht.

Ich habe die Erkenntnisse mit meine Co-Author Sharad Gandhi diskutiert und wir haben festgestellt, dass wir zu wenig über das Thema wissen und haben uns entschlossen tief einzusteigen und ein Buch zu schreiben. Das haben wir in den letzten 12 Monaten gemacht. Der Ergebnis ist ein Buch mit dem Titel „AI&U – Translating Artificial Intelligence into Business“.

Es gibt viele technische Berichte, Untersuchungen, White Paper, aber es gibt wenig Verständnis darüber, wie man diese Zukunftstechnologie in Unternehmen sinnvoll einsetzt, das haben wir dann zum Schwerpunkt gemacht. Im ersten Teil des Buches erklären wir die Hintergründe und wie künstliche Intelligenz funktioniert. Im zweiten Teil zeigen wir auf, wie ein Unternehmen von künstlicher Intelligenz profitieren kann und wie man dabei vorgeht.

AI hat das Potenzial alles zu verändern.

Wie siehst Du die aktuelle Entwicklung in Sachen AI? Stehen wir noch ganz am Anfang?

Es kommen täglich neue Nachrichten, Applikationen, Erfahrungsberichte zur künstlichen Intelligenz (oder Artificial Intelligence). Es ist ein ganz heißes Thema bei den großen Internetfirmen, den Startups und den Investoren. An den Universitäten und in den Forschungslaboren wird unermüdlich geforscht. Es ist die größte Veränderung seit der Entwicklung der PCs, des Internets und der Smartphones und es hat das Potenzial alles zu verändern.

Doch die Applikationen stehen erst am Anfang und kommen heute alle aus dem Bereich Narrow Artificial Intelligence. Das heißt, sie können in einem kleinen, definierten Rahmen, auf Basis eines Datenstromes lernen, welche Parameter für eine sinnvolle Entscheidung wichtig sind und auf dieser Basis komplexe Entscheidungen ohne menschliches Dazutun treffen. Beispiele sind Spracherkennung, Bilderkennung, Spam Filtering, Produktempfehlungen, Verkehrsführung – nur um ein paar konkrete Applikationen zu nennen.

Das ist sehr nützlich und kann in Bereichen mit großen und komplexen Datenströmen, bei denen Menschen sich schwer tun Algorithmen zu schreiben und anzuwenden, sehr gute Ergebnisse liefern. Die AI lernt dabei und trifft die Entscheidungen oftmals besser, als der Mensch es kann. Die komplexere Intelligenz oder die Verbindung einzelner Fähigkeiten zu einer Art Super-Intelligenz sind noch in der Entwicklung, wir haben aber keinen Zweifel, dass sie noch in unserer Lebenszeit vorhanden sein wird.

Warum sollten wir Angst haben?

Gerade in Deutschland ist die Angst immer wieder groß: Roboter mit künstlicher Intelligenz könnten uns Menschen ersetzen. Wie siehst Du das, werden wir überflüssig?

Künstliche Intelligenz sind nicht gleich Roboter. Künstliche Intelligenz ermöglicht einem Computer zu lernen. Roboter sind Maschinen, die Tätigkeiten ausführen, für die der Mensch oftmals nicht gut geeignet ist, weil sie mehr Kraft brauchen, oder genauere Ergebnisse und eine besondere Qualität erreichen müssen. Die ganze Evolutionsgeschichte des Homo Sapiens haben wir solche Werkzeuge gebaut und konnten uns im Laufe der Evolution von Hunger, vielen Krankheiten und letztendlich auch von vielen Kriegen befreien.

Die technologische Entwicklung war dafür oftmals die Basis. Warum sollten wir jetzt Angst haben? In nächster Zeit ist die künstliche Intelligenz erst einmal ein Helfer. Ein Arzt kann damit genauere Prognosen finden, ein selbstfahrendes Auto kann sicherer fahren, ein Steuerberater kann seine Kunden besser beraten. Davor braucht man keine Angst zu haben.

Technologie schafft ständige Optimierungen und Veränderungen, man muss sich darauf einlassen und sinnvolle Wege finden und die Veränderungen für alle erträglich gestalten. Das war schon immer so und wird auch die Herausforderung bei künstlicher Intelligenz sein.

Gibt es Bereiche, in denen AI heute schon Alltag ist – vielleicht sogar ohne dass wir es bemerken?

Ja, es gibt erstaunlich viele Bereiche. Die Technologie ist mit Machine Learning auf Basis neuronaler Netze schon sehr robust und wird daher oftmals eingesetzt – zum Beispiel bei Autos mit Fahrassistent, in der Medizin, in der Finanzbranche, Werbebranche, natürlich auch im Militär, in der Sicherheitstechnik. Überall dort wo Software eine tragende Rolle spielt – und Software ist bekanntlich „eating the world“ – spielt künstliche Intelligenz schon heute eine Rolle.

Oftmals geschieht das unbemerkt. Plötzlich versteht SIRI einen immer besser, oder die Übersetzungssoftware übersetzt mit guter Qualität, oder eine Krankheit wird früher erkannt. Diese Fortschritte beruhen in einer Vielzahl an Fällen auf den Fortschritten der künstlichen Intelligenz. Da muss ich wieder Fragen: Müssen wir vor dem Fortschritt wirklich Angst haben?

Auf welche Branche oder Tätigkeitsbereich wird AI in den nächsten Jahren aus Deiner Sicht den größten Einfluss haben?

Überall dort, wo es Datenströme und Software gibt, wird künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle spielen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es eine Branche gibt, die nicht davon betroffen sein wird. Und die Änderungen werden massiv sein, weil die Maschine oftmals bessere Algorithmen schreibt als der Mensch das heute mit seinen Fähigkeiten vermag.

Viele Software-Hersteller bauen AI heute in Ihre Software ein, das heißt, die Kunden profitieren automatisch von AI. Ein Beispiel ist die Firma Salesforce, die AI in allen Bereichen und insbesondere zur Optimierung der Kundenbeziehungen einsetzt.

China hat mich am meisten beeindruckt.

Du hast für Dein Buch lange recherchiert und Dir viele Dinge weltweit angesehen. Was hat Dich am meisten fasziniert?

Als wir vor einem Jahr angefangen haben das Buch zu schreiben, dachten wir, dass wir früh dran sind. Wir haben dann mit zahlreichen Experten gesprochen, sind durch die Welt gereist, waren im Silicon Valley, in China, in Indien und vielen weiteren Orten. Überall wird intensiv an AI gearbeitet.

China hat mich am meisten beeindruckt. Alleine in Shanghai wurden in den letzten 6 Monaten 70.000 Startups gegründet. Die Co-Working-Spaces und Accelerators wirken wie riesige Fabriken. Das Know-How und die Qualität der Lösungen stehen denen von Apple, Google oder Facebook oftmals in nichts nach. Und die Leute sind sehr offen, neue Technologien auszuprobieren und im täglichen Leben zu nutzen. Dabei ist uns besonders aufgefallen, dass viele Menschen an Problemen der Zukunft arbeiten, während wir hier in Europa oftmals versuchen die Probleme von heute zu lösen. Ich denke hier müssen wir uns mehr trauen.

Wir sollten an den Problemen der Zukunft arbeiten – weniger an denen von heute.

Wie gut ist Deutschland in Sachen AI im internationalen Vergleich aufgestellt? Können wir mithalten?

In Deutschland leiden wir nach wie vor an einer Unterkapitalisierung von guten Ideen. Sowohl bei Firmen als auch bei Startups und auch bei Universitäten stehen deutlich weniger Mittel zur Verfügung, als bei vergleichbaren Institutionen in den USA oder China. Das wird sich negativ auf unsere Wettbewerbsfähigkeit auswirken, auch wenn wir eine gute Basis an Ingenieuren haben und langsam auch lernen diese auch machen zu lassen und nicht immer zu erklären, warum etwas nicht funktionieren kann.

Was denkst Du: Wie lange wird es noch dauern, bis wir uns mit einer künstlichen Intelligenz wirklich ganz normal unterhalten können?

Unterhaltungen sind sehr komplex und vielseitig, dass macht die Antwort schwer. Ich kann mit Dir über Politik sprechen oder Innovation, kann Dir erzählen, wie mein Tag heute verlaufen ist oder Dich um einen Tipp für ein Restaurant bitten. Ich denke einfachere Konversationen werden in 1-2 Jahren sehr gut funktionieren.

Der Computer lernt gerade die individuellen Facetten der menschlichen Kommunikation und kann schon in kurzer Zeit Akzente und Betonungen imitieren. Die Erkennung der Sprache steht kurz vor der Durchbruch, die Intelligenz die notwendig ist, um eine sinnvolle Unterhaltung über unterschiedliche Themen zu realisieren, braucht noch etwas länger. Die virtuellen Assistenten wie SIRI oder Amazon Alexa sind da immer ein guter Gradmesser.

Ab wann werden wir Dein Buch lesen können und wo wird es erhältlich sein?

Wir haben das Buch am 1.7. publiziert und es ist weltweit auf Amazon als Taschenbuch oder eBook verfügbar. Wir arbeiten gerade daran, eine Web-Version zu erstellen. Das Buch war ein unglaublich guter Weg, sich tief mit dem Thema auseinander zu setzen. Wir haben so viel gelernt und freuen uns jetzt dieses Wissen weiter zu entwickeln. Ich denke es ist ein sehr guter Einstieg in eine der wichtigsten Technologien und es liefert viele Tipps für die Reise unserer Leser zu mehr intelligenten Lösungen für ihre Unternehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Close
Abonniere jetzt unseren
NEWSLETTER
Wir liefern Dir die besten Artikel regelmäßig direkt in Deine Mailbox!
Ich will spannende Artikel lesen!