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Arbeitszeiten: Flexibilität vs. Realitätsverlust?

Arbeitszeiten: Flexibilität vs. Realitätsverlust?

Wenn wir heute von Arbeitszeiten sprechen, schallt das Wort „Flexiblität“ quasi direkt mit. Jeder von uns möchte heute flexibel arbeiten, sich die Zeit so einteilen, wie er es für richtig und sinnvoll erachtet. Der klassische 9-to-5-Job hat ausgedient – er ist längst nicht mehr zeitgemäß und wird den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt auch nicht mehr gerecht. Doch ist das nicht genau der Knackpunkt, der den schönen Schein der Flexibilität beim Faktencheck zunichte macht?

Von einem modernen Mitarbeiter in einem anspruchsvollen Job wird heute erwartet, dass er sich seine Arbeitszeiten nicht nur selbst einteilt, sondern auch dann flexibel ist, wenn es den Bedarf für längere Arbeitszeiten in den Abend oder auch an den Wochenenden gibt. Was einst als schöner Gedanke begann, hat sich in der Lebensrealität heute längst zu einer Geiselung der Mitarbeiter entwickelt. Vorgesetzte laden immer häufiger zu späten Meetings ein, schicken spät Abends noch E-Mails – und setzen voraus, dass der Mitarbeiter teilnimmt bzw. zeitnah reagiert. Spricht man Personen mit Personalverantwortung auf diese Problematik an, erwarten sie Eigenverantwortung von ihren Mitarbeitern, setzen also voraus, dass der Mitarbeiter die Zeit, die er an der einen Stelle zusätzlich oder länger arbeitet an anderer Stelle wieder ausgleicht.

Tatsächlich ist das aber selten der Fall. Die meisten Wissensarbeiter mit flexiblen Arbeitszeitmodellen arbeiten auch heute noch mehr als vertraglich vereinbart wurde. Blickt man auf den Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin arbeiten Vollzeitbeschäftigte in Deutschland im Schnitt ganze fünf Stunden länger als sie müssten. Längere Arbeitszeiten und Überstunden gehen der Studie zufolge dabei häufig mit Termin- oder Leistungsdruck, einer Überforderung durch die Arbeitsmenge sowie dem Ausfallen von Arbeitspausen einher. 43 Prozent der Beschäftigten arbeiten zudem mindestens einmal im Monat auch am Wochenende, die Hälfte davon auch an Sonn- und Feiertagen.

Entgegen der Annahme, dass wir alle langsam aber sicher weniger Zeit mit unserer Arbeit verbringen, geht der Trend eher in eine andere Richtung. Dabei gibt es zudem deutliche Ausreißer nach oben – je nach Branche und Tätigkeitsfeld. Die immer häufiger erwartete ständige Erreichbarkeit sorgt oft für dauerhaften Stress und Angespanntheit – was wiederum mittel- bis langfristig auch zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Die Rückkehr des 9-to-5-Jobs ist sicherlich keine Lösung – sie ist auch gar nicht mehr praktikabel. Aber wir alle sollten uns etwas bewusster darüber werden, wie viel Zeit wir wirklich mit dem Job verbringen. Wer Personalverantwortung hat, sollte zudem für seine Mitarbeiter einstehen und darauf achten, dass die Pausen eingehalten werden – sowohl während als auch nach der Arbeitszeit. Irgendwann muss es einen Feierabend geben, irgendwann muss auch mal Wochenende sein. Für niemanden von uns sollte der Job das Leben dominieren – dafür ist es nicht gemacht.

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