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Stefan Pfeiffer: Wir möchten menschliche Intelligenz ergänzen – nicht ersetzen.

Stefan Pfeiffer: Wir möchten menschliche Intelligenz ergänzen – nicht ersetzen.

Stefan Pfeiffer ist als gelernter Journalist seit zehn Jahren bei IBM im Marketing tätig. In dieser Zeit hat er sich maßgeblich mit dem Arbeitsplatz der Zukunft, dem Digital Workplace, beschäftigt. Heute spricht er mit vielen CIOs, um mit ihnen die Entwicklung ihrer Unternehmen angesichts der aktuellen Entwicklungen rund um Internet of Things, Künstliche Intelligenz und Blockchain zu diskutieren. Nebenher ist er als Blogger, Speaker und Moderator aktiv und bleibt dabei immer am Puls der neuesten Trends.

Wir haben mit ihm über Künstliche Intelligenz, ihre Möglichkeiten und Auswirkungen gesprochen und ihn gefragt, wie sich unser Arbeitsumfeld in Zukunft verändern wird.

Momentan spricht jeder über Künstliche Intelligenz und möchte mitreden. Woher kommt dieser plötzliche Hype zu einem Thema, das eigentlich schon Jahrzehnte alt ist?

Unter anderem haben private Anwendungen und Devices momentan einen großen Einfluss darauf. Amazon Echo, Google Home, Siri, Cortana und so weiter sorgen dafür, dass das Ganze längst nicht mehr nur im Alltag der Nerds Zuhause ist, sondern auch in ganz normalen Wohnzimmern präsent ist.

Außerdem wird immer mehr darüber nachgedacht, welche Rolle das Thema künftig auch im beruflichen Umfeld spielen kann und wird. Schnell kommt dabei auch immer die eher negativ gefärbte Frage auf, ob KI für die Einsparung von Arbeitsplätzen verantwortlich sein wird. Es gibt aber auch viele positive Entwicklungen, bei denen überlegt wird, wie Künstliche Intelligenz bei verschiedenen Tätigkeiten unterstützen kann.

Man sollte sich das genau ansehen, denn die Antwort ist – wie bei vielen anderen Dingen im Leben auch – eben nicht Schwarz-Weiß. Wir müssen hier dringend wieder zu einer sachlichen Diskussion fernab des Hypes kommen.

Wir müssen eine strenge Unterscheidung zwischen beruflichen und privaten Anwendungen machen.

Es gibt ja momentan viele Zukunftsvisionen – gerade auch um digitale Assistenten, die allerlei Tätigkeiten im Berufsalltag übernehmen können. Wie weit ist die Entwicklung hier schon?

Wir müssen da eine strenge Unterscheidung zwischen beruflichen und privaten Anwendungen machen – allein schon wegen Themen wie dem Datenschutz, der hier auch immer eine große Rolle spielt. Daten eines Unternehmens sollen natürlich weiterhin bestmöglich geschützt werden und können nicht einfach in den Knowlegde Graphen eines KI-Tools oder -Anbieters einfließen. Das ist bei privaten Anwendungen meist deutlich einfacher.

In vielen Artikeln, gerade im US-amerikanischen Raum, die über die aktuellen Möglichkeiten sprechen, spielt das oft eine viel zu kleine oder gar keine Rolle. In der Realität sieht das aber anders aus.

Im beruflichen Bereich arbeiten IBM und auch andere Anbieter daran Assistenzsysteme zu entwickeln, die dem Mitarbeiter Routinetätigkeiten abnehmen können. Da geht es zum Beispiel um automatische Raum- oder Tischreservierungen bei Terminbuchungen an dem jeweils ausgewählten Ort und ähnliche Dinge.

Denkbar wäre auch, dass ich zu meinem Gesprächspartner für das nächste Meeting automatisch ein Profil geliefert bekomme, das alle relevanten Informationen zu dieser Person enthält. Solche Systeme gibt es heute schon im Experimentiermodus, aber in den nächsten fünf Jahren werden wir solche Assistenten immer mehr auch im Alltag sehen.

All diese Systeme haben eines gemeinsam: Sie können riesige Mengen an Informationen deutlich schneller und besser verarbeiten als wir Menschen.

Wir möchten menschliche Intelligenz ergänzen – nicht ersetzen.

Welche Rolle werden virtuelle Assistenzen in Zukunft sehen? Wird die menschliche Entscheidungskraft in 100 Jahren noch gebraucht oder haben intelligente Algorithmen bis dahin den Großteil der Arbeit übernommen?

IBM hat hier vor ein paar Monaten einige ethische Grundsätze zu Künstlicher Intelligenz definiert. Diese regeln, wie man mit den Möglichkeiten und den verwendeten Daten umgehen sollte. Dabei ist uns wichtig, dass das Ganze in einer humanen Art und Weise eingesetzt wird.

Wir sprechen hier von Augmented Intelligence, also einer Erweiterung der menschlichen Intelligenz. IBM Watson kann zum Beispiel von Ärzten lernen und mit Hilfe von einer Vielzahl von Daten bestimmte Muster in der Diagnose erkennen, die wiederum zu einem Vorschlag für die Medikation führen können. Es soll aber ganz bewusst ein Vorschlag sein und der Arzt muss hier immer das letzte Wort haben.

Unser Ansatz ist also, dass wir die menschliche Intelligenz ergänzen möchten – und nicht ersetzen wollen. Die wichtigen Entscheidungen sollen auch weiterhin von Menschen getroffen werden.

Generell ist es ja auch so, dass all diese Systeme erst einmal angelernt werden müssen. Sie sind erst einmal strohdumm und erst das Wissen, die Daten und Informationen, die der Mensch der Künstlichen Intelligenz gibt, sorgen dafür, dass Analysen möglich werden. Diese Anlernprozesse dauern in der Regel eine Weile und dabei ist die Qualität der zugeführten Informationen entscheidend. Was KI dabei besser kann: Muster erkennen.

Über die Zeit hinweg werden diese Systeme immer intelligenter werden und auch die Lernprozesse werden sich verkürzen. Ich spreche hier auch ganz bewusst von sehr spezifischen Einsatzgebieten im beruflichen Umfeld.

Welche konkreten Einsatzgebiete könnte es für Künstliche Intelligenz zum Beispiel geben?

Immer dann, wenn es um die Verarbeitung großer Datenmengen und das Ziehen von Schlüssen aus diesen Daten geht, kann Künstliche Intelligenz spannende Möglichkeiten bieten. Wenn wir noch einmal in die Medizin blicken und dort speziell die Onkologie ansehen, kann Künstliche Intelligenz einen großen Beitrag dazu leisten, die vorhandenen Forschungsergebnisse zu analysieren. Dieses Wissen kann dann dazu beitragen Krebsbefunde zuverlässiger und genauer machen – besser als es Menschen heute können. Gleiches ist zum Beispiel auch bei der Kombination von Röntgenbildern möglich.

Auch ein schönes Beispiel ist, was Watson mit Kochrezepten machen kann. In Wien hat man zum Beispiel Rezepte für Süßigkeiten in das System eingespeist, die Künstliche Intelligenz hat diese analysiert und dann einen Vorschlag für ein neues Rezept gemacht. Es hat also die Kombinationen untersucht und daraus Schlüsse gezogen, was sonst noch zueinander passen könnte. Das neue Rezept wurde dann auch zubereitet, minimal verfeinert und für gut befunden.

Das Prinzip des Findens von Mustern und Kombinationen kann man für viele verschiedene Anwendungsgebiete in unterschiedlichsten Branchen anwenden.

Ein konkretes Beispiel gibt es von der Versicherungskammer Bayern. Hier wird Watson eingesetzt, um die Eingangspost zu untersuchen. Das System wurde darauf trainiert, negative und positive Nachrichten zu unterscheiden. Dadurch konnte das Beschwerdemanagement deutlich vereinfacht werden, da die eingehende Post bereits automatisch nach ihrer Dringlichkeit sortiert wird.

Wir sollten aktiv mitgestalten, um KI in die richtige Richtung zu treiben.

Wir hatten das ja vorhin schon einmal kurz angerissen: Der große Übercomputer, diese Science-Fiction-Vision, die über uns alle herrschen wird. Was ist das für eine Angst, die da in unseren Köpfen herumschwirrt?

Ja, diese Angst gibt es tatsächlich. Das sind oftmals einfach Existenzängste, die zum Beispiel mit der Furcht vor dem Verlust seines Arbeitsplatzes zu tun haben. Es gab vor jeder größeren wirtschaftlichen Veränderung solche Ängst – denken wir nur einmal an die Industrielle Revolution zurück und daran, wie sie unsere Arbeit verändert hat. Das ist ganz normal.

Wir müssen uns aber auch klar darüber sein, dass wir technologische Entwicklungen nicht aufhalten können und sollten damit beginnen, sie aktiv mitzugestalten, um sie in die richtige Richtung zu treiben. Die Erfahrung zeigt, dass schon immer Jobs verschwunden sind, gleichzeitig aber auch immer wieder neue Jobs geschaffen wurden. Ob sich die Zahlen hier aufwiegen werden, kann ich allerdings nicht sagen.

Es gibt ja auch noch viele andere technologische Entwicklungen, die damit zusammenhängen und uns in den nächsten Jahren immer mehr beschäftigen werden – das Internet of Things, Blockchain und so weiter werden auch sehr viele Bereiche verändern.

Wenn wir uns den Arbeitsplatz noch einmal etwas genauer ansehen: Homeoffice wird in immer mehr Unternehmen zu einer gelebten Option für die Mitarbeiter, flexible Arbeitszeiten ersetzen den 9-to-5-Job und die Präsenzzeit rückt immer weiter aus dem Fokus. Sind das Zukunftsmodelle, die uns langfristig beschäftigen werden oder werden wir eine Art Renaissance klassischer Arbeitsmodelle erleben?

Gerade in der Diskussion werden wir in den nächsten Jahren sicherlich immer wieder Wellenbewegungen mit Ausschlägen in unterschiedliche Richtungen erleben. Das Entscheidende bei dieser Diskussion ist, dass man den Arbeitsplatz bzw. Arbeitsort nutzen kann, an dem man die jeweils anfallende Tätigkeit am besten verrichten kann.

Ich arbeite zum Beispiel größtenteils im Homeoffice, gehe aber mindestens ein bis zwei Mal pro Woche ins Büro, weil ich dort mein Projektteam, meine Kolleginnen und Kollegen treffen kann. Wir setzen uns dann zusammen und profitieren von diesen realen Meetings.

Das persönliche Treffen am Arbeitsplatz macht aus meiner Sicht nach wie vor Sinn, es macht aber keinen Sinn, dass ich an meinem Büro-Schreibtisch sitze, wenn ich eine Präsentation baue oder einen Artikel schreibe und dabei eher von der ruhigen, konzentrierten Atmosphäre in meinem Homeoffice profitiere.

Gerade in den letzten Jahren hatten wir einen regelrechten Homeoffice-Hype. Ich denke, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt – ein gesunder Mix führt am Ende zu einem echten Mehrwert.

Kann es bei all den flexiblen Arbeitszeitmodellen heute eigentlich schneller passieren, dass man zu viel arbeitet, sich selbst überfordert und keine Grenzen mehr sieht?

Ja, das kann heute schneller passieren, aber das hat nichts mit dem Homeoffice zu tun. Das hat im Wesentlichen mit der ständigen Erreichbarkeit via Smartphone oder Tablet zu tun. Wir sind immer online und verfügbar – da ist es wichtig, die Balance zu finden.

Das ist übrigens auch eine wichtige Aufgabe der Führungskräfte. Hier muss man sich der Verantwortung bewusster werden und dafür sorgen, dass die eigenen Mitarbeiter nicht auf Kosten ihrer Gesundheit und Lebensqualität über das Ziel hinausschießen. Personalverantwortung bedeutet heute weniger Management und mehr Coaching.

Das innere Wohlfühlen ist das Wichtigste.

Wenn wir uns die Arbeitswelt heute ansehen, kursieren ja ganz viele Arbeitszeitmodelle – 40 Stunden, 35 Stunden oder auch nur 20. Das Ganze wird gerne auch mal hin- und hergeschaufelt, je nachdem, wie es gerade passt. Wie wird das in der Zukunft aussehen?

Ich glaube, dass es da keine pauschale Lösung geben wird. Das hängt auch immer von der jeweiligen Person ab und wir müssen natürlich auch bestimmte Rahmenbedingungen wahren – es gibt schließlich auch einen Betriebsrat, der das ganz genau im Blick hat.

Ich sehe es an mir selbst. Ich arbeite vielleicht etwas mehr, aber für mich ist die innere Balance, das innere Wohlfühlen eigentlich das Wichtigste.

Kann da Künstliche Intelligenz da vielleicht in Zukunft auch eine Rolle spielen und uns in Summe etwas an Arbeitszeit einsparen bzw. einen Teil unserer Arbeitszeit übernehmen?

Im Idealfall würde KI uns die langweiligen, eher nervigen Tätigkeiten abnehmen – Reisekostenabrechnungen zum Beispiel. Auch bei der Vorbereitung von Terminen könnten mich intelligente Systeme sehr unterstützen. Dann könnte ich die eingesparte Zeit für wichtigere, relevantere Themen verwenden, für die mir wegen Reporting-Tätigkeiten, Abrechnungen oder sonstigen administrativen Tasks oftmals einfach die Zeit fehlt.

KI sollte uns nervige administrative Tätigkeiten abnehmen.

Brauchen wir in Zukunft Künstliche Intelligenz nicht sogar zwingend, um mit der immer größer werdenden Flut an Informationen, die auf uns einprasselt umgehen zu können?

Ja, ich denke, dass es ohne KI nicht mehr funktionieren wird. Ich bin Informationsjunkie, aber ich glaube nicht, dass wir in Zukunft noch in der Lage sein werden, die riesige Menge an Daten und Informationen noch komplett selbst zu erfassen. Da muss man sich letztlich auch seiner eigenen Grenzen bewusst sein und sich eher auf die persönlichen Stärken fokussieren.

Ich hätte zum Beispiel sehr gerne viel mehr Zeit für Kreativität und auch mehr Zeit für das Team. Es gibt einfach noch viel zu viele Routine-Tätigkeiten, die ein kreatives Miteinander blockieren.

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