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Kaspar Korjus: Niemand vor uns hat etwas Vergleichbares umgesetzt.

Kaspar Korjus: Niemand vor uns hat etwas Vergleichbares umgesetzt.

Estland ist Vorreiter, wenn es um E-Government geht. Das e-Residency-Programm ist das erste seiner Art und setzt die Messlatte für alle anderen Nationen sehr hoch. Das Programm und seine Services ermöglicht Unternehmern die Gründung eines Unternehmens in Estland unabhängig von ihrer Nationalität und komplett digital. Als Managing Director ist Kaspar Korjus für das Programm verantwortlich und wir haben uns ausführlich mit ihm darüber unterhalten.

Wie würdest Du jemandem das e-Residency-Programm erklären, der noch nie davon gehört hat?

Unser e-Residency-Programm ermöglicht jedem Menschen auf dieser Welt die Freiheit, ein globales Unternehmen in der EU komplett online und digital zu gründen und zu führen – ganz egal, wo sich diese Person gerade befindet. Estland ist die erste Nation der Welt, die mit e-Residency eine digitale Gesellschaft für Weltbürger ohne Grenzen aufbaut. Jedermann kann eine transnationale, von der Regierung ausgestellte digitale Identität beantragen und von einer Plattform profitieren, die auf Einbeziehung, Transparenz und Legitimität aufgebaut wurde.

Mit e-Residency bieten wir digitalen Zugriff auf estnische E-Services und internationale Business-Tools für Unternehmer. Ein Unternehmen kann auf diesem Weg innerhalb von einem Tag gegründet werden und anschließend von jedem Ort der Welt geführt werden. Passende Bankkonten können ebenfalls digital eröffnet und via E—Banking verwaltet werden. Gleiches gilt für die Beantragung einer Kreditkarte oder die Nutzung von verschiedenen Zahlungsdiensten, wie zum Beispiel PayPal oder Braintree. Über die integrierten Services lassen sich außerdem unkompliziert Steuererklärungen in Estland abgeben sowie Dokumente und Verträge unterzeichnen. All dies ist möglich, ohne dass sich auch nur ein einziger Vertreter des Unternehmens in Estland befindet.

Wie entstand die Idee für die heutige Form des e-Residency-Programmes?

Estland hat in der Vergangenheit bereits ein Programm mit digitalem Identitätssystem und E-Services betrieben, das nicht nur von den Bewohnern im Land, sondern auch von Esten überall auf der Welt genutzt werden konnte. Dieses Angebot und die Möglichkeit der internationalen Nutzung führte zu einem logischen Schluss: Warum sollte man das Angebot nicht auch auf Personen ausweiten, die nicht zur Bevölkerung von Estland gehören, aber dennoch bessere digitale Möglichkeiten für ihre Unternehmen benötigen, als jene, die in ihren Heimatländern verfügbar sind?

War es schwierig, die Regierung von Estland von dieser Idee zu überzeugen?

Überhaupt nicht. Die Idee bekam schnell eine noch nie dagewesene Unterstützung aller Parteien. Das Parlament gab innerhalb weniger Monate nach dem ersten Vorschlag grünes Licht für das e-Residency-Programm.

Warum ist es in einer globalisierten Welt, wie der unseren, immer noch so kompliziert ein Unternehmen in einem anderen Land zu gründen?

Wir leben in Zeiten großer Veränderungen – die Welt durchlebt gerade eine sehr schnelle Digitalisierung und Globalisierung. Während Unternehmen die neue digitale Wirtschaft und die damit verbundenen Möglichkeiten schnell für sich genutzt haben, kann man das von vielen Regierungen nicht behaupten. Es ist klar, dass Regierungen eine Rolle bei der digitalen Transformation spielen und sich an die Veränderungen anpassen müssen, um Schritt halten zu können. Das gilt auch für die durch den technologischen und kulturellen Wandel nötig gewordenen Gesetzesänderungen.

Welche Technologie kommt zum Einsatz, um die Dienste rund um das e-Residency-Programm sicher zu machen?

Estland ist international für seine Kompetenz in Sachen Cybersecurity bekannt. Aus diesem Grund sorgen wir auch im Rahmen des e-Residency-Programmes für eine bestmögliche Vermeidung von Risiken. Die digitale ID selbst, aber auch die dazugehörigen Services basieren auf aktuellsten technologischen Lösungen (z.B. 2048-bit Public Key Encryption). Wir haben verschiedene Prozesse und Praktiken installiert, um die Sicherheit der Daten unserer E-Residents zu gewährleisten und deren Missbrauch zu limitieren.

Mit dem e-Residency-Programm haben wir die Chance, finanzielle Ausgrenzung zu beenden.

Wie werden die Möglichkeiten des e-Residency-Programmes die Art und Weise verändern, wie wir Geschäfte abwickeln?

Das Programm gibt Unternehmen die Freiheit ihr Business unabhängig von ihrem Standort zu administrieren. Ein Unternehmen kann komplett digital von jedem Ort der Welt gegründet und geführt werden. Das ermöglicht jedem den Zugriff auf dieselben digitalen Tools und Prozesse – auch dann, wenn diese im eigenen Land nicht verfügbar sind.

Mit dem e-Residency-Programm haben wir die Chance, finanzielle Ausgrenzung zu beenden und globales Wachstum zu ermöglichen. Ein erfreuliches Beispiel ist hier die Partnerschaft mit der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD). Mit eTrade For All, einer bahnbrechenden Initiative, soll Menschen, besonders auch in Entwicklungsländern, dabei geholfen werden, von den Möglichkeiten zu profitieren, die Entrepreneurship und E-Commerce mit sich bringen.

Das e-Residency-Programm hat sich längst zu einem großen Erfolg entwickelt. Jetzt denkst Du darüber nach, eine eigene Kryptowährung mit dem Namen Estcoin einzuführen. Welche Erwartungen hast Du an diese Idee?

Das Ziel der Vorstellung der Vision rund um Estcoin ist die Einholung von Feedback und Ideen, bevor wir das Konzept weiterentwickeln. Sollte die Idee Unterstützung finden, werden wir im nächsten Schritt ein Whitepaper erstellen, das den Wert der Estcoins genauer beschreibt und auch Vorschläge ausführt, wie das Investment genutzt werden könnte. Wir haben gesehen, dass die Idee bereits auf großes Interesse und Unterstützung bei führenden Köpfen der Startup-Community gestoßen ist und wir denken, dass es eine nationale und ernsthafte Diskussion dazu nötig ist, ob und warum wir mit dieser Idee weiterexperimentieren sollten.

Wie könnten „analoge“ Esten von der Implementierung von Estcoins profitieren? Welche Anreize gäbe es für E-Residents, um die Nutzung der Estcoins voranzutreiben?

In meiner veröffentlichten Ideen-Skizze habe ich mehrere Szenarien beschrieben. Die Gelder könnten durch eine Public Private Partnership verwaltet werden – mit der Auflage den Aufbau unserer digitalen Nation mit Investitionen in neue Technologien Innovationen für den öffentlichen Bereich zu unterstützen. Die Mittel könnten auch in einen von der Community geführten VC-Fund fließen, der estnische Unternehmen unterstützt. Wir sehen außerdem andere Vorteile: Die Estcoins könnten als digitales Zahlungsmittel fungieren und smarte Verträge unterstützen. All das sollte aber Teil einer öffentlichen Diskussion zwischen der Bevölkerung in Estland, den öffentlichen Einrichtungen und weiteren Interessensvertretern sein. Aktuell stehen wir in dieser Diskussion noch ganz am Anfang.

Ich glaube, dass die digitale Transformation unsere Zukunft ist.

Digitale Identitäten zu ermöglichen und eine Kryptowährung zu konzipieren ist etwas anspruchsvoller als viele andere Tätigkeiten – mit großen Auswirkungen für eine Vielzahl von Menschen. Gab es Zeiten, in denen Du ob der Größe des Projektes etwas Angst oder Sorgen bekommen hast?

Ich glaube, dass die digitale Transformation unsere Zukunft ist. Als eine der fortschrittlichsten Nationen in diesem Bereich hat Estland eine gute Chance die Richtung vorzugeben und Vorreiter zu sein. Da das e-Residency-Programm das erste seiner Art ist, war die Entwicklung natürlich nicht ganz einfach. Mit jedem Schritt sind wir auf neue Herausforderungen gestoßen, die gelöst werden mussten – einfach deshalb, weil so etwas vor uns noch niemand gemacht hat. Wir haben die Entwicklung des Programmes immer mit dem Abschuss einer Rakete ins Weltall verglichen: Einige Dinge können schief laufen, aber es gibt eine Menge zu gewinnen.

Als junger Unternehmer: Welchen Ratschlag würdest Du jungen Talenten geben, die über die Gründung eines globalen Unternehmens nachdenken?

Seid mutig und frei! In jedem Fall sollten sie sich mit den Möglichkeiten einer digitalen, globalen Administration ihres Unternehmens beschäftigen. Sie sollten immer die bestmöglichen Business Tools einsetzen und nach Wegen suchen, die den Fokus weg von Bürokratie hin zum eigenen Geschäft lenken. Außerdem sollten sie in ihre Idee investieren statt das Geld für die Gründung und den dazugehörigen Prozess selbst auszugeben.

Am 22. Februar 2018 wird Kaspar Korjus im Rahmen unserer 48forward Konferenz in München auf der Bühne stehen und über das e-Residency-Programm in Estland sprechen – und alle Fragen des Publikums beantworten.
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