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Schweden experimentiert: Die Vorzüge des 6-Stunden-Arbeitstages

Schweden experimentiert: Die Vorzüge des 6-Stunden-Arbeitstages

Worin unterscheidet sich das, was nie war von dem, was nie sein wird? Keine Angst, nachfolgend soll keine philosophisch geprägte Abhandlung über den Sinn des Lebens stattfinden. Zum einen, weil es auf diesem Blog zumeist etwas spezifischer zugeht. Zum anderen, und das ist sicherlich der Hauptgrund, weil der Autor dieses Artikels sein Philosophiestudium für derartige Geistesübungen eindeutig zu früh abgebrochen hat.

Doch zurück zur oben gestellten Frage. Die pragmatischste Antwort darauf ist sicherlich, dass das, was nie war, ja trotzdem irgendwann noch sein kann. Oder anders gesagt, bloß weil es bisher noch keine grundlegende Veränderung in Bezug auf die Regelarbeitszeit in Deutschland gab, heißt das nicht, dass diese auch in Zukunft ausbleiben wird.

Ein Blick in den hohen Norden

Eine Debatte über die Herabsetzung der in Deutschland manifestierten 8-Stunden-Marke wird bereits seit einigen Wochen und Monaten immer wieder aufs Neue geführt. Auch in den Sondierungsgesprächen der möglichen neuen Bundesregierung wurde darüber vortrefflich gestritten. Zuletzt schalteten sich dann auch noch die Wirtschaftsweisen ein und rieten zu einer Abkehr dieser beinahe schon unumstößlich wirkenden Zahl 8.

Und sicher gibt es auch bei dieser Debatte sinnvolle Argumente auf beiden Seiten. Aber da ein Blick über den Tellerrand manchmal durchaus erfrischende Erkenntnisse mit sich bringen kann, richten wir unsere Aufmerksamkeit doch für einen Moment in den Norden Europas, genauer gesagt nach Schweden. Die Skandinavier experimentieren bereits seit einigen Jahren in verschiedenen Jobsektoren damit, die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden herabzusetzen – bei gleichbleibendem Lohn.

Das schwedische Modell

Wie die taz jüngst berichtete, wurde dieses Experiment in diversen Kranken-, Pflege- und Sozialeinrichtungen durchgeführt. Der Erfolg scheint dem Versuch dabei Recht zu geben: Eine höhere Produktivität, weniger Krankmeldungen und rundum glücklichere Mitarbeiter waren das Ergebnis. Ein Krankenhaus in Göteborg etwa, das zuvor mit einer regulären 40-Stunden-Woche händeringend nach Mitarbeitern suchte, konnte sich nach der Umstellung auf die 30-Stunden-Woche kaum vor Anfragen retten.

Die Kehrseite der Medaille ist aber, wie so oft, auch hier das liebe Geld. Durch die faktisch weniger erbrachte Arbeit müssen neue Leute eingestellt werden, demnach steigen natürlich erst einmal die Personal-  und Sozialkosten. Zwar sinkt so gleichzeitig die Zahl der Arbeitslosen, der schwedischen Regierung war das Modell im Endeffekt aber schlicht zu teuer. Nach zwei Jahren wurde das Projekt wieder eingestellt.

Vom Irrtum flexibler Arbeitszeiten

Doch um es deutlich zu sagen: Das ist ein großer Fehler. Selbst die anfangs hohen Kosten würden im Laufe der Zeit gedeckt. Durch die höhere Produktivität entsteht mehr Wachstum, durch weniger Arbeitslose werden die Arbeitslosenversicherungen entlastet und durch weniger Krankheitsfälle die Krankenkassen. Das System könnte am Ende des Tages sogar Geld einsparen.

Die 40-Stunden-Woche weiter beizubehalten ist mit Blick auf die Arbeitnehmer auf lange Sicht schlicht nicht mehr hinnehmbar. Als Alternative zu einer Kürzung wurden daher vielerorts in Deutschland flexible Arbeitszeiten eingeführt. Das mag sich Anfangs auch nach einer Entlastung und grundlegenden Verbesserung der Arbeitssituation anfühlen. Allerdings arbeitet man mit flexibleren Arbeitszeiten im Endeffekt meistens eher mehr als weniger, da die Grenze zu den Überstunden nur allzu leicht verschwimmt.

Veränderung als Wunschdenken?

Man kann daher nur an die nächste Regierung appellieren, wer immer diese auch bilden mag, dass sie die richtigen Schlüsse aus dem schwedischen Experiment zieht. Eine Reduzierung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn hilft sowohl den Arbeitnehmern, als auch den Arbeitgebern und der einheimischen Wirtschaft insgesamt. Dafür braucht es allerdings in erster Linie Mut und Geduld. Wenn es um Reformen und große Umstrukturierungen irgendeiner Art geht, sind das aber zumeist nicht die Tugenden, durch die sich deutsche Regierungen in der Vergangenheit ausgezeichnet haben. Aber nur weil dem noch nie so war, bedeutet das ja nicht automatisch, dass dem auch nie so sein wird.

Bildquelle: g-stockstudio / Shutterstock.com

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