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Prof. Dr. Günther Schuh und die Zukunft der Automobilbranche

Prof. Dr. Günther Schuh und die Zukunft der Automobilbranche

Wenn es um die Zukunft der Mobilität geht, beherrschen zwei große Themengebiete die Gespräche. Zum einen geht es natürlich um autonomes Fahren. Viele sind von diesem Thema fasziniert, denn es könnte den Markt grundsätzlich revolutionieren. Und es klingt einfach so schön nach Zukunft – quasi die Vorstufe zu fliegenden Autos.

Der andere Teil der Diskussionen dreht sich um die Abkehr fossiler Brennstoffe hin zum Elektromotor und ist von der Strahlkraft nicht ganz so grell. Hier ist die Entwicklung zwar deutlich weiter als bei den selbstfahrenden Wagen, zufriedenstellend sind die Ergebnisse nicht. Vor allem die Infrastruktur in Deutschland lässt doch sehr zu wünschen übrig.

Die Post macht mobil

Da passt es auch ganz gut ins Bild, dass das erste vollfunktionsfähige Elektroauto, das auf deutschen Straßen unterwegs war, nicht etwa von Daimler, BMW, VW oder Audi gebaut wurde. Nein, die ersten elektrischen Fahrzeuge fuhren im Dienst der Deutschen Post und wurden von der StreetScooter GmbH unter Leitung von Prof. Dr. Günther Schuh hergestellt.

Wie es dazu kam erklärte Professor Schuh Anfang Juni im Zuge des INDUSTRY.forward Summit in Berlin. Denn es war keineswegs so, dass die Leute hinter StreetScooter den großen Playern der Autobranche eins auswischen wollten. Das Ziel war es lediglich, ein fähiges elektrisches Kurzstreckenfahrzeug herzustellen.

Aus Spott wird Marktführer

Als der erste Prototyp dann 2011 auf der IAA vorgestellt wurde, wurde das Unternehmen von allen Seiten belächelt und sogar despektierlich mit dem Label „Jugend forscht“ bedacht. Lediglich die Deutsche Post bekundete Interesse und so kam die Kooperation schließlich zustande. 2014 erwarb die Post StreetScooter dann sogar komplett, obwohl sie anfangs eigentlich nur als größter Kunde des Unternehmens dienen sollte.

Doch Professor Schuh, seit 2004 mit eigenen Lehrstuhl für Produktionssystematik an der RWTH Aachen und mittlerweile CEO der e.GO Mobile AG, erzählte in Berlin nicht nur davon, wie das erste deutsche Elektroauto auf unsere Straßen gelangte. Er gab auch generell Einblick, wie man es fertigbringt, ein Produkt in einem so übersättigten Markt, wie dem Automarkt zu konzipieren und schließlich zu realisieren.

Der Wunsch des Kunden

Denn wie entwickelt man etwas, das es eigentlich schon gibt? Professor Schuh und sein Team bei e.GO haben sich hierzu die Frage gestellt: „Warum kauft jemand etwas?“. Dabei sind sie zu der Erkenntnis gekommen, dass vor allem beim Thema Auto der Identifizierungswunsch an erster Stelle steht. Können sich Menschen nicht mit dem Fahrzeug identifizieren gehen sie anders damit um. Ein Smart des Carsharinganbieters car2go etwa hat bereits nach vier Jahren keinerlei Restwert mehr. So „pfleglich“ gehen die Nutzer damit um.

Gleichzeitig erklärte Professor Schuh, dass man auch den Mut haben müsse, sich auf das Wesentliche zu fokussieren und sämtlichen überflüssigen Schnickschnack wegzurationalisieren. So sei es für das Team essentiell gewesen, sich nicht vom Mainstream der aktuellen Produkte ablenken zu lassen.

Am Ende habe man drei Jahre und zwei Monate gebraucht, fünf Autos entwickelt, um dann letztendlich zu dem einen fertigen Produkt zu gelangen. Als entscheidende Erkenntnis habe sich dabei folgende Maxime herauskristallisiert: „Die User-Story als Anwendungserzählung dient als agiler Ersatz für das Lastenheft.“ Ein Satz, den man sich merken sollte.

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