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Facebooks unglaubwürdige 180-Grad-Drehung

Facebooks unglaubwürdige 180-Grad-Drehung

Das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen: Der Social Media Gigant Facebook fordert strengere Gesetze zur globalen Regulierung des Internets. Konzerngründer und CEO Mark Zuckerberg hat dies höchstselbst in einem offenen Brief, der in mehreren Zeitungen abgedruckt wurde, kundgetan.

Dies geschah am selben Tag, an dem auch Sheryl Sandberg, COO von Facebook, ebenfalls einen offenen Brief im New Zealand Herald veröffentlichen lies. Darin äußerte sich erstmals ein Mitarbeiter von Facebook öffentlich zu den Anschlägen in Christchurch vor etwas mehr als zwei Wochen. Ein Rechtsextremist hatte dort 50 unschuldige Menschen in zwei Moscheen ermordet und Teile der Tat dabei live auf Facebook gestreamt.

Fehlgeleitete Vorschläge

Wohingegen Sandberg in der Sache relativ wage blieb und lediglich bekannt gab, Facebook werde seine Regeln und Voraussetzungen für Liveübertragungen überprüfen und gegebenenfalls anpassen, hatte Zuckerberg gleich einen ganzen Katalog an Vorschlägen dabei, wie man das Internet sicherer vor Manipulationsversuchen, Hetze und Hassbotschaften machen könne.

Dies sei, so Zuckerberg, vor allem durch strengere Gesetze und Regulierungen seitens der Regierungen zu erreichen. Facebook würde ja gerne den Hass von seiner Plattform tilgen, aber wie soll das gehen, wenn vorher keine Staatsmacht klare Regeln dazu definiert. Facebook würde ja liebend gerne die Daten seiner Nutzer schützen, aber ohne eine Verordnung ähnlich der DSGVO ist das ja quasi unmöglich.

Durchschaubare Motive

Diese überspitze Zusammenfassung von Zuckerbergs Aussage dient der Verdeutlichung, wie viel Aufrichtigkeit man ihr beimessen kann: Nämlich keine. Es ist ja doch etwas verwunderlich, dass der Konzern, der jahrelang Unsummen für Lobbyisten ausgeben hat, damit die auf der ganzen Welt strengere Gesetze diesbezüglich verhindern, seine Meinung nun auf einmal um 180 Grad dreht.

Und dass das alles in einer Zeit geschieht, in der Facebook quasi von einem Skandal und einer Kontroverse in die nächste stolpert, lassen ebenfalls die wahre Intention dieser Aussage erkennen. Der Konzern versucht mit allen Mitteln, weiteren Sanktionen und Empörungen gegen sich zuvorzukommen und proaktiv den Entscheidungsprozess mitzugestalten. Facebook säße nur allzu gerne mit am Tisch, wenn es darum geht neue Spielregeln für das Internet aufzustellen.

Seit einem Jahr nichts Neues

Zur Erinnerung: Vor fast genau einem Jahr musste ich sich Mark Zuckerberg vor dem US-amerikanischen Kongress verantworten und Facebooks Rolle bei der Präsidentschaftswahl 2016 erklären. Damals war bekannt geworden, dass die Firma Cambridge Analytica über eine App die Facebook-Daten Millionen Nutzer erhielt und diese dann an das Wahlkampf Team von Donald Trump weitergab. Als Facebook davon mitbekam, sah man jedoch davon ab, die betreffenden Personen zu informieren.

Darüber hinaus wurde klar, dass es etwa für russische Hacker ein Leichtes war, sich unzählige Fake-Profile zu erstellen und mithilfe von Falschinformationen Missgunst und Hass in dem sozialen Netzwerk zu schüren. Dies hatte ebenfalls entscheidenden Einfluss auf die Wahl im November 2016.

Vor dem Kongress konnte sich Zuckerberg damals noch mehr als glimpflich aus der Affäre ziehen und vor Verantwortung drücken. Dies war allerdings nicht zuletzt der erschreckenden, offen zur Schau getragenen Ahnungslosigkeit einiger der ihn befragenden Politiker zuzuschreiben.

Greifen nach dem Strohhalm

Doch Zuckerberg merkt auch, dass sich der Wind immer mehr dreht. Die Öffentlichkeit ist es leid, gefühlt im Wochentakt aus den Nachrichten zu erfahren, wer ihre Daten nun wieder unerlaubt von Facebook erworben hat. Und sie ist es erst recht leid, dass man das Fundament der Demokratie, freie Wahlen, mittels Facebook derart leicht zum Bröckeln bringen kann. Hinzukommt, dass immer mehr, vor allem junge, Menschen die Plattform in steigender Anzahl verlassen.

Doch ein paar Forderungen nach mehr Regulation werden in diesem Fall nichts nutzen, zu groß ist der Vertrauensverlust, zu leicht sind sie als opportunistisches Gerede abzutun. Gerade der Ruf nach einwe globalen Datenschutzverordnung ist geradezu lächerlich, wenn man sich die Lage ansieht, in der sich die Weltpolitik aktuell befindet. Von Zusammenarbeit und Miteinander ist dort momentan eher weniger die Rede. Das weiß auch Mark Zuckerberg.

Späte Einsicht

Und dass Facebook, wenn überhaupt, immer erst dann handelt, wenn der Druck für sie selbst zu groß wird, zeigt eine andere Entscheidung. Vor ein paar Tagen und in Folge des Christchurch-Attentats, gab Zuckerberg bekannt, künftig kategorisch alle Seiten von seiner Plattform zu löschen und auszusperren, die die Ideologie der White Supremacy oder des White Nationalism goutieren oder gar fördern.

Es ist einigermaßen erschreckend, dass es erst einen Massenmörder benötigt, damit Facebook auffällt, dass Rassismus ja doch ganz schön blöd ist. Vielleicht hätte man diesbezüglich einfach einen offenen Brief nach Menlo Park schicken sollen. Das scheint dort ja der Modus Operandi in Sachen Kommunikation zu sein.

Fotoquelle: Frederic Legrand – COMEO / Shutterstock.com

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