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Julian Assange in London verhaftet

Julian Assange in London verhaftet

Es sind ganz und gar skurrile Szenen, welche sich gestern in Knightsbridge, London abgespielt haben: Ein Mann mit lichtem, weißem Haar und langem Rauschebart wird von mehreren anderen Männern aus einem schicken Haus getragen. Während der Getragene noch zetert und schimpft, wird er von den Trägern auch schon kurzerhand in ein Auto verfrachtet.

Ende einer Seifenoper

Was anmutet wie ein billiger TV-Film über die Entführung des Weihnachtsmanns, ist in Wahrheit das Ende einer langen Odyssee. Denn der Mann mit dem Rauschebart ist tatsächlich Julian Assange, Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Dieser hatte sich zuvor knapp sieben Jahre in der ecuadorianischen Botschaft in London versteckt, um der Vollstreckung eines Haftbefehls gegen ihn zu entgehen.

Allerdings entzog Lenín Moreno, Präsident Ecuadors, Assange nun das politische Asyl. Dies begründete er unter anderem mit dem unhöflichen und ungebührlichen Verhalten seines Dauergastes. Des Weiteren beweise das Auftauchen vertraulicher Dokumente aus dem Vatikan, dass Assange immer noch für WikiLeaks arbeite und so in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten eingreife.

Gesucht in mehreren Ländern

Prompt wurde Julian Assange unter Protest von der britischen Polizei verhaftet. Das Tauziehen um seine Person hat damit aber gerade erst begonnen. Vor allem die USA verlangen bereits seit Jahren die Auslieferung des Australiers. Dieser stelle als Verantwortlicher von den auf WikiLeaks veröffentlichten Dokumenten (unter anderem streng vertrauliches, militärisches Material aus dem Afghanistan- und Irakkrieg) eine Bedrohung der nationalen Sicherheit dar.

Auch soll er nach Auffassung US-amerikanischer Ermittlungsbehörden der verurteilten Whistleblowerin Chelsea Manning dabei geholfen haben, sich in ein Computernetzwerk der Regierung zu hacken. Aber auch Schweden interessiert sich nach wie vor für Assange. Zwar wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung 2017 eingestellt, da er jedoch seine Kaution verfallen lies, droht ihm dennoch eine Haftstrafe.

Richtige Intention, falsche Verpackung

Die Verhaftung von Julian Assange stellt das Vorläufige Ende einer Posse um den Mann dar, der sich selbst gerne als Korrektiv einer unmoralischen Welt darstellt und das nicht selten mit einer gehörigen Portion Eitelkeit und Hybris. So ist das Ziel von WikiLeaks, unethisches Verhalten innerhalb Regierungen und Unternehmen aufzudecken zwar durchaus ein hehres.

Ohne Leute wie Edward Snowden oder Chelsea Manning wäre die Welt wahrscheinlich immer noch im Unklaren über die wahren Auswüchse und Machenschaften der US-Regierung. Genau solcher Leute bedarf es dringend, um einen Ausgleich der Machtverhältnisse zu schaffen und zumindest eine kleine Form von öffentlicher Regulation zu erzwingen.

Wahrheit um jeden Preis

Doch Assange hat sich selbst dabei immer zu sehr als weißer Ritter im strahlenden Gewand betrachtet. Schlimmer noch: Durch seine radikale Politik, alles, was auch nur irgendwie der Wahrheit diene, schonungslos zu veröffentlichen, gefährdete WikiLeaks nicht nur einmal die Sicherheit von Menschenleben. Etwa die, afghanischer Informanten für den Westen während des Krieges.

Es wird sich zeigen, was nun mit Julian Assange geschieht. Dass er sich vor dem Gericht irgendeines Landes verantworten müssen wird, steht außer Frage. Doch mit Ausblick auf Härte und Dauer der Strafe, dürfte es für ihn nicht unerheblich sein, welches Land es am Ende werden wird. Gelegenheit zur Selbstinszenierung ist ihm aber in jedem Fall sicher.

Fotoquelle: Katherine Da Silva / Shutterstock.com

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