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Goliath gegen David: Warum Konzerne Start-Ups in der Innovationsarbeit nicht immer unterlegen sind

Goliath gegen David: Warum Konzerne Start-Ups in der Innovationsarbeit nicht immer unterlegen sind

Gian Casanova ist Managing Director bei Futurice in Deutschland. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, wie Innovationsarbeit in Unternehmen funktionieren kann – und welche Vorteile große Konzerne haben können, wenn sie das Thema richtig angehen.

Das Rennen um die besten Innovationen wird immer schneller. Start-Ups wird dabei oft am meisten Potential zugesprochen. Woher kommt das?

Tatsächlich werden Start-Ups als schneller und wendiger wahrgenommen als die großen, etablierten Unternehmen. Die Teams sind kleiner und von neuen, frischen Ideen getrieben. Verständlich, dass Start-Ups so oftmals auch motivierter wahrgenommen werden. Sie tragen zudem noch keine Altlasten mit sich herum und können durch weniger starre Strukturen kreativer agieren und mehr experimentieren.

Was bedeutet das für etablierte Unternehmen? Müssen Sie fürchten den Innovationswettlauf zu verlieren?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Start-Ups haben gegenüber Konzernen natürlich die genannten Vorteile. Große, traditionsreiche Unternehmen können im Innovationswettlauf aber von anderen Faktoren profitieren.

Sie haben beispielsweise stabile Finanzen und müssen nicht unter Druck um die nächste Finanzierungsrunde bangen. Ihre Innovationen können auf jahrzehntelangen Erfahrungswerten und langjährigen Kundenbeziehungen und Partnerschaften aufbauen. Die Menge an belastbaren Kundendaten ist bei Konzernen oft wesentlicher größer als bei Start-Ups. Gerade in einer Zeit, in der datenbasiertes Arbeiten immer wichtiger wird, ist das ein zentraler Vorteil gegenüber Start-Ups, die ihren Kunden- und Datenstamm erst aufbauen müssen.

Wie können Konzerne diese Vorteile ganz konkret für sich einsetzen?

Ganz konkret heißt das: Die große Expertise, die Unternehmen in der Produktentwicklung mitbringen, kann die Realisierung von neuen Lösungen deutlich vereinfachen. Auch das Skalieren und Validieren neuer Services lässt sich oft viel schneller umsetzen, da der Kundenstamm bereits existiert und Unternehmen die Vor- und Nachteile ihres Kernprodukts gut kennen.

Reicht das, um  langfristig mit der Innovationskraft von Start-Ups mithalten zu können?

Langfristig, ist es für Konzerne essentiell, wirklich kundenfokussiert zu arbeiten und neue Lösungen für und mit den Kunden gemeinsam zu entwickeln. Das funktioniert natürlich nur, wenn sich die bestehende Führungskultur zu einer Innovationskultur weiterentwickeln lässt. Das bedeutet, dass neue Kompetenzen erlernt, andere Werte etabliert und neue KPIs und Reportings definiert werden müssen und die Geschäftsführung geschlossen hinter dem Innovationsvorhaben stehen muss.

Will man nachhaltig erfolgreich sein, sollten Konzerne auch ihr Kernprodukt nicht aus den Augen verlieren, um die bestehenden Markenwerte weiterhin zu nutzen. Zur Weiterentwicklung seiner digitalen Lösungen bietet es sich zudem an langfristige Datenströme und Analysen zu etablieren, um so das digitale Geschäftsmodell einfach und kontinuierlich validieren zu können.

Mit welchen Ansätzen kann das gut funktionieren?

Zukunftsweisend ist hier der Value-to-Market-Ansatz, bei dem es entgegen dem klassischen Time-to-Market-Gedanken darum geht, den Mehrwert in einer kontinuierlichen Wertschöpfung zu messen. Der Fokus liegt dabei darauf, sich auf Effektivität, anstatt auf Effizienz zu konzentrieren. Das bringt den Vorteil, dass Unternehmen ihre digitalen Geschäftsmodelle  flexibel anpassen können, anstatt sie nur weiter zu optimieren. Das senkt die Kosten für Experimente mit neuen Ideen und die Validierung der neuen Angebote. 

Was können Konzerne noch tun, um die Innovationskultur voranzutreiben?

Wir empfehlen Unternehmen, das kundenzentrierte Arbeiten mit ihrer traditionell vorhandenen Umsetzungsstärke zu kombinieren. Das verschafft ihnen einen deutlichen Vorteil. Während Start-Ups Ideen zwar schnell, kreativ und wendig umsetzen können, haben Konzerne die langjährige Fachexpertise, die sie nachhaltig bei der Realisation von neuen Produkten unterstützt.

Wichtig ist, dass die Firmen auf das intern vorhandene Wissen zugreifen können. Dieses gilt es aufzuspüren, zu bündeln und an der relevanten Stelle einzusetzen. Es hilft zudem die Innovationstreiber im Team zu erkennen, die helfen, das Wissen und somit auch neue Ideen aktiv voranzutreiben.

Um langfristig mit Start-Ups mitzuhalten empfehlen wir zusätzlich auf Partnerschaften zu setzen – in der Zukunft wird es nicht mehr um Koexistenz, sondern um die besten Kollaborationen gehen, wenn man wirklich am Markt bestehen möchte. Natürlich ist so eine Partnerschaft auch mit einem Startup denkbar. Dann muss aber zwangsläufig eine klare strategische Abstimmung erfolgen und die Schnittstelle genau definiert werden.

Über Gian Casanova:

Gian Casanova ist Managing Director bei Futurice, einem innovativen Digitalunternehmen mit Büros in Berlin, München, Stuttgart, London, Helsinki, Tampere, Oslo und Stockholm. Gian hat über 20 Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Managementpositionen bei führenden IT-Dienstleistern und Beratungshäusern. Er bietet sowohl fundierte Expertise in der Arbeit mit großen, traditionellen Organisationen, als auch in der Führung von digitalen Start-Ups. Mit Leidenschaft widmet er sich der Mission, die Digitale Transformation mit seinen Kunden erfolgreich umzusetzen.

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